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Gerechtigkeit – Erinnerung – Heilung: Wege zur Versöhnung

Predigt - Father Michael Lapsley - 2. Dezember 2009

Gerechtigkeit – Erinnerung – Heilung: Wege zur Versöhnung

In wenigen Tagen wird die Welt den 61. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen.

Angesichts des Zustands unserer Welt kann man sich leicht niedergeschlagen fühlen. Ebenso kann man aber auch versucht sein, sich falschem Optimismus hinzugeben. Ich bete dafür, dass meine Botschaft eine Botschaft der Hoffnung ist, und sage mir dabei, dass auf einen Karfreitag ebenso sicher das Osterfest folgt, wie es nach einer Nacht auch wieder Tag wird.

In den letzten Monaten war ich mit meinem Kollegen, Madoda Gcwadi, in den Vereinigten Staaten.

Dort traf ich einen Mann namens Riley. Er ist das, was man in Amerika nurse practitioner nennt, also ein anspruchsvoll ausgebildeter Krankenpfleger. Er wurde in den Irak geschickt und war im Krankenhaus von Abu Ghreib eingesetzt, an einem Ort, der zum Synonym für Folter geworden ist. Bei der Ankunft im Irak erfuhr er von einem Seelsorger, die Genfer Konvention gelte dort nicht, weil der Irak sich nicht offiziell im Krieg befinde. In scharfem Unterschied dazu sagte der für das Krankenhaus Verantwortliche zu ihm und den übrigen Krankenpflegern: „Ihr werdet alle, die in dieses Krankenhaus kommen, als Menschen behandeln. Die meisten werden unschuldige Opfer sein, und in einzelnen Fällen wird jemand dabei sein, der euch umbringen möchte. Ihr sollt sie alle als Menschen behandeln.“

Der betreffende Offizier wurde aus dem Militärdienst entfernt. Trotzdem bin ich sicher, dass er nachts gut schlafen kann. Als Riley mir das erzählte, sagte er leise: „Ich frage mich, ob ich in der Position wie dieser Vorgesetzte den Mut gehabt hätte, dasselbe zu sagen.“ Diese Frage können auch wir uns stellen.

Mitunter verlangt der Kampf für die Menschenrechte uns nur Zeit und Energie ab. In manchen Fällen kann er aber auch das Leben kosten.

Jesus hat sich für die Menschenrechte eingesetzt. Wenn man das Neue Testament liest, wird klar, dass sich Jesus allen Menschen in dem Bewusstsein zugewandt hat, dass sie Würde hatten und Achtung verdienten, auch die, die in seiner Gesellschaft als Außenseiter galten – Menschen, die ihren Körper gegen Geld zur Verfügung stellten, Ausgestoßene, Leprakranke, auswärtige Besatzer. Wir erfahren dort gerade auch, wie Jesus mit Frauen und Kindern umging.

Der Apostel Paulus hat in seinem Galaterbrief erklärt, in Christus sei weder Jude noch Grieche zu suchen, weder Sklave noch freier Mensch, weder Mann noch Frau – wir alle seien in Christus verkörpert. Danach haben wir Christen viel Zeit zum Lernen gebraucht. Es dauerte über 1800 Jahre, bis wir darauf kamen, dass die Sklaverei nicht gut ist. Ich wohne in einer der schönsten Städte der Welt – wenn man von Luxemburg absieht –, nämlich in Kapstadt. Erst vor kurzem erfuhr ich, dass es in Kapstadt im 18. Jahrhundert mehr Sklaven als Freie gab.

Im 20. Jahrhundert hatten wir eine Sklaverei moderner Art in Form der Apartheid. In Südafrika taten sich Christen, Muslime, Juden, Hindus, afrikanische Traditionalisten und Laien zusammen, um die Apartheid in die Knie zu zwingen. Die internationale Gemeinschaft der Christen erklärte die Apartheid zur falschen Lehre, zur Ketzerei. In unserem Land wurde während der Zeit der Apartheid die Folter zur Plage. Sie ist noch heute auf manchen Polizeistationen gegenwärtig.

Erzbischof Desmond Tutu hat einmal gesagt, während unseres Freiheitskampfes habe es kein Land und kein Volk gegeben, für das so viel gebetet wurde wie für die Bevölkerung von Südafrika. Heute stehen wir erst am Anfang des Aufbaus einer neuen Gesellschaft und setzen uns auseinander mit der wirtschaftlichen, sozialen, psychischen und geistigen Hinterlassenschaft der Apartheid.

Und wie steht es um die Frauenrechte? Wie ich höre, haben Frauen hier in Luxemburg 1919 das Wahlrecht erreicht. Zur Überwindung des Patriarchismus gibt es noch viel zu tun. Formell bestehende Rechte sind eine Sache, der Inhalt dieser Rechte eine ganz andere.

Noch heute wird in vielen unserer Kirchen ein fataler Streit darum geführt, ob Lesbierinnen, Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle auch Anrecht auf einen Platz in der Gesellschaft haben. Ich bin überaus stolz, dass mein Land, Südafrika, als erstes der Welt in seiner Verfassung die Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Ausrichtung verboten hat, und ich finde es eine Schande, dass schwarze Lesbierinnen in ärmeren Gemeinden des Landes noch immer Übergriffen und Vergewaltigungen ausgesetzt sind.

Vor zehn Tagen waren wir in Haiti und hörten Frauen davon erzählen, wie ihre erwachsenen Söhne vor ihren Augen in einem Massaker von 2006 umgebracht worden. Eine von ihnen sagte, „ich bin das ganze Leben lang gedemütigt worden“. Ihre Worte waren durchdringend, sie hinterließen bei mir körperliche und seelische Spuren. Diese Mütter zeigten uns Fotos ihrer verstorbenen Kinder.

Ich konnte nur beten, dass diese Frauen durch irgendeine kleine Geste, durch die Art, auf die wir sie behandelten, den Eindruck haben würden, dass es einen Gott gibt, der uns alle innig liebt und schätzt. Wir erfuhren, dass die Täter, in vielen Fällen Polizisten, verhaftet, aber dann ohne Gerichtsverfahren wieder freigelassen worden sind. Außerdem sind in Haiti über 3000 Menschen ohne Prozess in Haft, wie wir von einem Menschenrechtsanwalt hörten. Dieser junge Anwalt, Elred Fanfan, war ein leuchtendes Beispiel der Hoffnung und Quelle des Trostes für die Mütter und alle anderen, die darum bemüht sind, dass der Rechtsstaat wieder die Oberhand gewinnt.

Im Lauf der Jahre ist mir klar geworden, dass wir alle gegen alle Formen der Unterdrückung sind, mit Ausnahme derjenigen, die wir billigen. Wie steht es um euch: Macht ihr Ausnahmen – gibt es bestimmte Formen der Unterdrückung, die ihr gerechtfertigt findet?

Mir ist auch klar geworden, dass es „beliebte“ und „unbeliebte“ Opfer gibt. In einer bestimmten geschichtlichen Periode kann eine Gruppe von Opfern durchaus beliebt sein, aber wenn die Opfer darauf beharren, dass sich niemand angemessen um ihre Bedürfnisse gekümmert hat, dann kann eben diese Gruppe schnell unbeliebt werden. Wenn es um Folter geht, sind häufig die Opfer solche, die gesellschaftlich geächtet sind, etwa Menschen, die furchtbare Verbrechen begangen haben. Das sehen wir an den durch Hass motivierten Übergriffen gegen homosexuell orientierte Menschen.

Auch Jesus war Opfer von Folterungen – und er war, wie viele andere, ein unschuldiges Folteropfer. Wir Christen sind demjenigen gefolgt, der gefoltert wurde. Für uns darf Folter unter keinen Umständen Nebensache sein. Weil wir der Überzeugung sind, dass alle Menschen nach Gottes Bild geschaffen sind, machen wir uns, wenn wir foltern, eines Angriffs auf das göttliche Abbild schuldig.

Ich danke euch, den Mitgliedern der ACAT, für all das, was ihr in Christi Namen tut.

Aber wenn wir wollen, dass die Familie der Menschen Frieden hat, müssen wir begreifen, dass die Zukunft der Menschheit eine Zukunft aller Glaubensrichtungen ist, und lernen, andere Glaubenstraditionen nicht nur zu dulden, sondern ihnen Ehrfurcht entgegenzubringen. In unserer Zeit ist Islamophobie aufgekommen; Millionen von Muslimen werden wegen der Handlungen einzelner Extremisten mit an den Pranger gestellt.
Der Missbrauch des Glaubens für Zwecke der Gewalt – gleichgültig ob es Missbrauch des christlichen, des buddhistischen, des islamischen, des hinduistischen Glaubens oder einer nichtreligiösen Weltanschauung ist – steht in krassem Widerspruch zum Kern der Lehre in allen großen Religionen.

In unseren Gebeten haben wir uns für bestimmte Gruppen von Menschen eingesetzt – für Dissidenten – für solche, die es wagen, nach einer anderen Pfeife zu tanzen. Wir haben gebetet für Menschen in Todestrakten und für die Abschaffung der Todesstrafe auf der ganzen Welt. In den Vereinigten Staaten, die noch immer diese barbarische Form der Folter praktizieren, hat ein Staat noch vor wenigen Tagen darüber debattiert, wie Menschen noch effizienter hingerichtet werden können. Demnächst wird im New Yorker Bundesgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen geistigen Urheber des 11. September geführt. Meine Freundin Phyllis Rodriguez gehört der Organisation September 11 Families for Peaceful Tomorrows (Familien des 11. September für eine friedliche Zukunft) an, und ihr Sohn kam in einem der beiden Türme um. Sie hat zu mir gesagt, sie werde sich gegen die Todesstrafe aussprechen. Es werde ihr nicht den Sohn zurückgeben, wenn wieder eine Mutter weinen muss.

In den USA haben die Amerikaner afrikanischer Abstammung einen Anteil von 12 % an der Bevölkerung, aber von 41 % an den Menschen in Todeszellen. Sehr viele von denen, die furchtbare Taten begehen, haben unter furchtbaren Taten gelitten.

Zu den Gebieten, in denen ich tätig war, gehört Ruanda, wo Völkermord auf Kirchenaltären vorgekommen ist. Völkermord konfrontiert uns als Menschen mit dem Schlimmsten, was Menschen anderen Menschen antun können. Seine Wurzeln sind überall dort, wo wir eine Gruppe von Menschen als nicht in unserem Sinn menschlich betrachten. Was tun wir heute, um die Genozide von morgen zu verhindern? Ob in Darfur oder Ruanda – uns fehlt offenbar immer noch der politische Wille, Genozid zu verhindern.

Ich habe Europa immer als einladend empfunden – wenn man durch die Vordertür eintreten darf. Für politische Flüchtlinge und Migranten ohne Papiere ist oft die Hintertür eine überaus bittere Erfahrung. Traurigerweise ist Südafrika und meine Heimat Kapstadt mit der Wirklichkeit der durch Fremdenhass motivierten Gewalt konfrontiert, die auch an vielen Stellen in Europa ihr grässliches Haupt erhoben hat.

Wir als Christen dürfen auf keinen Fall vergessen, dass Christus als kleines Kind Flüchtling auf dem afrikanischen Kontinent war.

Nur eine Welt mit einer Wirtschaftspolitik der Gerechtigkeit wird die tiefsten Ursachen der Migration überwinden können. Durch den Klimawandel werden diese Herausforderungen noch größer.

In den letzten Wochen habe ich das Buch The Blindfold’s Eyes (Verbundene Augen) von Schwester Dianna Ortiz gelesen. Es handelt davon, wie diese katholische Schwester innerhalb von 24 Stunden gefoltert, vergewaltigt und gezwungen wurde, jemand anderem unaussprechliche Dinge anzutun, und es handelt von den vielen Jahren, die die Heilung brauchte.

Das Buch hat mich, selbst früher Opfer staatlichen Terrorismus, mit dem eigenen Heilungsweg, der nie zu Ende ist, konfrontiert. Die Geschichte von Schwester Dianna erinnerte mich im Übrigen an unsere Arbeit im nördlichen Uganda mit Opfern der Lord’s Resistance Army, von denen viele, wie ich, Gliedmaßen verloren haben.

Liebe Schwestern und Brüder, heute haben wir all die Menschen gewürdigt, die Menschenrechtsverletzungen erlitten haben und noch erleiden. Wir haben für sie gebetet. Wir müssen auch für alle Menschen beten, die – und dazu können wir selbst gehören – andere zu Opfern machen. Wir beten für Heilung, die den Teufelskreis durchbricht, in dem Opfer zu Tätern werden.

Lasst uns die Hände erheben und Dank und Lob aussprechen für alle Menschen überall auf der Welt, die sich für die Menschenrechte einsetzen. Lasst uns nicht vergessen, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen – von denen, die in allen Generationen nicht nur für die eigenen Rechte, sondern auch die Rechte anderer gekämpft und Opfer gebracht haben.

Liebe Freunde, für die Menschenrechte zu arbeiten heißt: die Familie aller Menschen anzunehmen – Teil der besten Erscheinungsform von Globalisierung zu sein.

Nach meiner Überzeugung war die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 61 Jahren ein Zeichen des göttlichen Geistes, der auf die Geschichte der Menschen Einfluss nimmt. Die Bibel sagt uns, dass wir aufgefordert sind, mit Christus zusammen an Gottes Reich zu arbeiten.

Jesus, der Gefolterte, das Opfer des Karfreitags, wurde an Ostern zum Sieger. Als der wieder auferstandene Christus seinen Jüngern erschien, waren die Spuren der Kreuzigung noch zu sehen, bluteten aber nicht mehr – sie waren geheilt. Christus fordert uns alle, verletzt und unvollkommen wie wir sind, dazu auf, Gottes Welt zu heilen und zur Heimat für alle zu machen.

Bitte lasst euch innig von mir umarmen.

Amen

Father Michael Lapsley, SSM
Institute for Healing of Memories (Institut zur Heilung von Erinnerungen)
Kapstadt (Südafrika)

Mittwoch, 2. Dezember 2009, 19.30 Uhr
Dreifaltigkeitskirche, 5 rue de la Congrégation, Luxemburg

 
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