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Karfreitagsmeditation : Der Schrei (Edvard Munch)

Meditation zu Psalm 102 / „Geschrei“ von Edvard Munch

„Herr, höre mein Gebet, mein Schreien dringe zu dir.“ Der Aufschrei eines Menschen im Unglück, ein eindringlicher Schrei aus der Not. Ein Schrei gleichwohl, der darauf hofft, ja, der einfordert, gehört zu werden. „Wende dein Ohr mir zu.“

Im Wissen um das Recht gehört zu werden und in der Hoffnung, dass da jemand ist, der den Schrei aus der Not vernimmt, bewahrt sich der schreiende Mensch seine Würde, das Schreien bewahrt ihn davor, im Bodenlosen zu versinken und zu verstummen.

Der Karfreitag ist der Tag des Schreis „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ „Geschrei“, so heißt die sehr bekannte Lithographie von Edvard Munch. Nichts als Geschrei tönt aus dem Bild. Der Mensch im Vordergrund des Bildes, den Mund weit geöffnet und die Augen schreckensstarr aufgesperrt,hat sich fast gänzlich in Geschrei aufgelöst. Sein Schreien verbreitet sich ungehört in die Welt und schallt ihm gellend zurück, so dass er sich die Ohren zuhalten muss. Die beiden schwarzgekleideten Figuren im Bild, die ihm Gehör schenken könnten, verlassen überhastet die Szene. Eine unerhörte Situation, ein unerträgliches Bild. Ein erster Impuls des Betrachters : Das Bild weglegen, die Ohren verschließen. Es den beiden dunklen Gestalten am Bildrand gleichtun und verschwinden...

Wenn da nicht Karfreitag wäre : Karfreitag, der Tag des Schreis. Der Tag, an dem im Schrei des Menschensohnes am Kreuz das große und kleine, das laute und leise Schreien eines jeden Menschen aufgehoben ist. Karfreitag : der schreiende Mensch darf sichtbar und hörbar werden, auch und gerade dort, wo A-pathie und Resignation gegenüber eigenem und fremden Leid herrschen .

Der Karfreitagsschrei kann uns aus unserer Apathie retten : In der Hoffnung, dass unser Schreien gehört wird, müssen wir uns nicht die Ohren zuhalten vor dem eigenen Geschrei – so wie der Mensch auf dem Bild von Edvard Munch.Und in dieser Hoffnung können wir getrost die Ohren offen halten für den Schrei des gemarterten Menschen überall auf der Welt. Wir müssen nicht fortlaufen.

So können wir Ohr sein, ganz Ohr, für die Schreie der Gequälten, Gefolterten, Entrechteten, dass ihr Rufen nicht im Nichts verhallt. Wir können Stimme sein, wenn ihre Stimme versagt, Stimme, die Unrecht anklagt und Partei nimmt für die unerhörten Opfer der Geschichte.

Karfreitag – Tag des Schreis, der gehört wird und der aufgehoben sein soll. „Herr, höre mein Gebet, mein Schreien dringe zu dir.“

 
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