1700 Jahre Heiliger Martinus - Editorial

Aus dem Pfarrbrief Ënnersauer November/Dezember 2016

Wenn im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit auch an „1700 Jahre Heiliger Martin“ erinnert wird, dann geht es nicht um nutzlose Nostalgie, um ein Abtauchen in eine Archäologie des längst Gewesenen inmitten der Turbulenzen der weltgeschichtlichen Großwetterlage des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Wer könnte aktueller, ja wer könnte brisanter sein als Martinus, der pannonische Heilige und Bischof von Tours, der große Europäer und Wegweiser für ein wahrhaft authentisches christliches Unterwegssein, das sein Maß nie an Machtbekundungen und Quoten, sondern am Antlitz der Armen hat? Was könnte notwendiger und dringlicher sein als gelebte Formen der Martinstat des Mantelteilens im Hier und Heute?
Martinus ist ein Heiliger mit europäischer Spannweite und universaler Strahlkraft. Geboren 317 in Pannonien (heute Ungarn), aufgewachsen in Oberitalien, als Sohn eines Militärtribuns mit zunehmender Widerwilligkeit und Abscheu vor dem Kriegsgeheul in Gallien als Offizier zum Soldatendienst verpflichtet, wurde Martinus im Jahr 351 getauft und errichtete nach einer Zeit der Sammlung als Einsiedler 361 in Ligugé das erste Kloster des Abendlandes. Vier Jahre später gründete er auch das Kloster Marmoutier in der Nähe von Tours, wo er schließlich 372 zum Bischof geweiht wurde. Martin, der auch als Bischof lieber in Holzhütten vor der Stadt anstatt in prunkvollen Residenzen hauste, setzte sich mit unbeugsamer Courage gegen Verfolgung und Hinrichtungen ein, stellte sich selbst gegen den Kaiser. Er verstarb 81-jährig am 8. November 397.
In der Martinstat des Mantelteilens, im Dienst an den Mühseligen und Beladenen, in der Solidarität mit den Notleidenden und Schutzsuchenden ist das Evangelium wirklich lebendig, ist Jesus Christus wirklich gegenwärtig. In der Zuwendung und Hilfsbereitschaft für die Mitmenschen, gerade für die Armen, die Schwachen, für die Ränder der Gesellschaft, wird die aus dem Glauben geschöpfte Vernunft des Herzens in die Welt getragen. Es ist diese Empathie der konkreten Tat, diese aktive, pragmatische Nächstenliebe, die dem Leid der Welt Tankstellen der Hoffnung entgegenstellt.
Im Antlitz des Armen den eigenen Mantel teilen: das ist das Ursymbol des christlichen Liebesdienstes. Das ist die wahre, Grenzen überschreitende Brücke von Mensch zu Mensch, zwischen Ländern und Kontinenten, zwischen Kulturen, Sprachen und Religionen. Das ist wahre Macht, die nicht das Eigene hinaufsteigert und die Anderen herabdrückt. Es ist die Macht der Liebe: frei zu sein, andere in deren Freiheit und in die unveräußerliche Würde ihres einzigartigen, eigenständigen Daseins freizugeben.
Lassen wir uns gerade als Pfarrverband mit unseren Martinuspfarreien in Born und Moersdorf vom pannonischen Heiligen und großen Europäer Martinus ansprechen und in Anspruch nehmen! Lassen wir in unserem alltäglichen Tun, in all unseren Bezügen von Mensch zu Mensch die Martinstat des Mantelteilens lebend werden! Seien wir offen und hellhörig für den oft lautlosen Schrei der Not und des Nächsten, des Hilfsbedürftigen und Schutzsuchenden! Stellen wir einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, des Wegschauens und der Ich-Verschlossenheit die christliche Martinshaltung der Achtsamkeit, der Anerkennung und Achtung für das Du entgegen. Dann wird das Heilige Jahr der Barmherzigkeit und die Erinnerung an „1700 Jahre Heiliger Martin“ hier und jetzt in unseren Herzen ankommen und wirklich werden.

Die Welt braucht mehr Martinus!
Die Welt braucht mehr Barmherzigkeit!
Nichts ist dringender und aktueller als das!

Ihr Pfarrer Luc Schreiner

 
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