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Der Glaube von ... Kohelet

Bild: Julia Meuer

Das Buch Kohelet [1] spricht eine Reihe von Themen an, die die menschliche Existenz betreffen: Reichtum und Freude (2,4-11), Weisheit (2,12-23), Zeit und ihr Verlauf (3,1-8), Gerechtigkeit (3,16), Arbeit (4,4-6), Frauen (7,26-29) Alter und Tod (12,1-7).

Der gemeinsame Nenner dieser Überlegungen ist ihre Hilflosigkeit wenn sie gefragt sind, das Fundament des menschlichen Lebens zu bilden, insbesondere die radikale Frage nach dem Ende des Menschen, die sowohl die Barmherzigkeit Gottes in Frage stellt, als auch die menschliche Hoffnung erschüttert. Geprägt durch das neue kulturelle Universum und die griechische Lebenskunst, akzentuiert der Autor das Individuum mal skeptisch, mal unbedarft, oft provozierend.

Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung - „So habe ich eingesehen“ (3,22; 4,4; 6,1), „Ich hatte erkannt“ (3,12. 14), „Da dachte ich mir“ (2,16; 3,17. 18), „Ich überlegte mir“ (1,16)- stellt der Autor eine Vision der menschlichen Beschaffenheit vor, ohne für sich einen Sinn darin für seine vergängliche Existenz zu finden. Für ihn, der die Macht („ich war in Jerusalem König über Israel“ 1,12), die Weisheit („Ich habe mein Wissen immerzu vergrößert, sodass ich jetzt darin jeden übertreffe“ 1,16), den Erfolg („Ich baute mir Häuser, ich pflanzte Weinberge... Ich kaufte Sklaven und Sklavinnen... Ich hortete auch Silber und Gold... die Lust jedes Menschen: einen großen Harem... Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen“ 2,4-10), gekostet hat, ist das Leben des Menschen wie das Wehen des Windes, eine Sinnlosigkeit, „Nonsens“ [2] : „Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ (1, 2).

Konfrontiert mit der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens steht die Entscheidung Kohelets konträr zum Rest der Bibel (ausgenommen das Buch Hiob): Er sagt „Da verdross mich das Leben“ (2,17), und „Da preise ich immer wieder die Toten, die schon gestorben sind, und nicht die Lebenden, die noch leben müssen. Glücklicher aber als beide preise ich den, der noch nicht geworden ist“ (4,2-3); und, ohne jede Hoffnung, startet er einen erstaunlichen Aufruf zum carpe diem, nicht in einem hedonistischen Sinn, aber als pragmatische Haltung, die dazu einlädt, Tag für Tag zu leben, ohne Besitz, wissend, dass der Mensch niemals die Wege erkennen wird, die Gott dem Leben gibt:

„Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend,
sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren!
Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt,
zu dem, was deine Augen vor sich sehen….
Halte deinen Sinn von Ärger frei
und schütz deinen Leib vor Krankheit,
denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch.“ (Koh 11,9-10)

36 Mal spricht Kohelet vom Glück, aber für ihn bedeutet dies nur „dass er essen und trinken und durch seinen Besitz das Glück selbst kennen lernen“ kann (2,24; 5,17-18), so wie Gott es ihm gibt (2, 26). Die Dauer dieses Glücks ist ebenfalls endlich wie auch das Leben, dessen unwiderrufliches Ende der Tod ist, dem niemand entkommen, oder ihn beherrschen kann. Dieses stechende Thema des Todes durchzieht das gesamte Werk, angefangen mit dem ersten Gedicht: „Eine Generation geht, eine andere kommt.... nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.“ (1,4-11), bis zu 11,7-12,8: „der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.“ Die bedrückende Präsenz des Todes überschattet das ganze Leben des Menschen: „Der Mensch kennt seine Zeit nicht“ (9,12; 12,8). Folglich fordert Kohelet seine Zuhörer auf, die jetzige Zeit zu nutzen, denn dies ist das einzige Gegengift gegen die Vergänglichkeit des Menschen, der er nicht entkommen kann und die er darüber hinaus auch nicht verstehen kann „Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein“ (9,7).

Das enttäuschende Landschaftsbild der menschlichen Bedingtheit zwingt Kohelet, die Falschheit der Praxis des Vergeltungsgesetzes, wie es von der offiziellen Lehre verkündet wird, festzustellen (3,16-22) und folglich erklärt er die Nutzlosigkeit davon, in diesem Leben nach Gerechtigkeit oder Wissen zu trachten, da das Geschick für den Gerechten und den Frevler, für den Gebildeten und den Unwissenden, das gleiche ist: „dass der Gebildete ebenso sterben muss wie der Ungebildete“ (2,16), für den Menschen und das Tier: „Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick, und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick.“ (3,19). Beide sind dem Tod geweiht. Angesichts dieser Unabwendbarkeit ist die einzig mögliche Einstellung, die, das Leben zu hassen: „Da verdross mich das Leben“ (2,17), „Mich verdross auch mein ganzer Besitz, für den ich mich unter der Sonne anstrenge“ (2,18); und in der Hoffnungslosigkeit zu leben: „Ich stellte mich um und überlies mich der Verzweiflung über meinen ganzen Besitz, für den ich mich unter der Sonne angestrengt hatte“ (2,20). Das Sprichwort vom toten Löwen untermauert diese ernüchternde Sicht der Welt: „Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe“ (9,4).

Zumindest kann man sagen, dass das Buch Kohelet ein Gottesbild [3] bietet, welches ganz anders zum Rest der Bibel ist. Auch wenn Gott das Subjekt einer Reihe von Handlungen ist, die sich an den Menschen richten, vor allem die Tatsache, diesem zu „geben“: die Tage seines Lebens (5,7; 8,15; 9,9; 12,7), seinen Reichtum (5,18), die Weisheit (2,26), den Genuss (3,13; 5,18); so bleibt er dennoch ein willkürlicher Gott, dessen Handeln sich dem Verständnis des Menschen entzieht, dem nichts übrig bleibt, als sich seinem Willen zu beugen. Es ist ein zu fürchtender Gott (3,14; 5,6; 7,18; 8,12.13; 12,13). Ein Gott für den das Schicksal des Gerechten, des Armen und des Unterdrückten nicht zählt: „niemand tröstet sie“ (4, 1). Gott bleibt im Denken des Buchautors ein entfernter Gott, gleichgültig, mit dem der Mensch keine Möglichkeit hat, eine persönliche Beziehung aufzubauen. Die Einladung das Leben zu genießen in 11,7-12,7, ohne das Gericht Gottes aus dem Blick zu verlieren, ist höchstens eine Mahnung zur Vorsicht, keinesfalls jedoch ein Aufruf zur Umkehr im Hinblick auf eine religiöse Erwartung. Also, „Wenn die Propheten die Verkünder der Hoffnung Israels sind, so kennt Kohelet nicht die Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen Erde...Für die Propheten geht es darum zu leben. Für Kohelet zu überleben [4].

In diesem Sinne ist Kohelet der „Anti-“ Prophet. Bei ihm ist der Glaube ein Weg, der zwischen dem Zweifel und der Frage schwankt, ein Versuch, die Antwort auf das Warum zu erfinden; eine lange Reise deren Ziel ungewiss ist. Das Wort Kohelets wurde unter die Bücher der Bibel aufgenommen, obwohl es sich als äußerst störend für den beruhigenden Glauben herausgestellt hat, weil es die grundlegenden Fragen der menschlichen Suche nach dem Sinn des Lebens zusammenfügt, ohne darauf eine einfache Antwort zu bieten. In seiner Ursprünglichkeit ist das Buch eine Warnung vor zu „schönen“ und einfachen Antworten auf die existentiellen Fragen.

Fragen:
- Was denken wir über die Einstellung Kohelets gegenüber dem menschlichen Leben? Hat er recht, jegliche Hoffnung zu verlieren? Warum?
- Wie fordert der Aufruf Kohelets zum carpe diem (Nutze den Tag) unsere christliche Praxis heraus?
- Wie spricht das Buch Kohelet unseren Glauben an Gott und das Bild, das wir von ihm haben, an? Worin unterscheidet es sich vom christlichen Glauben?

[1Auch Ecclesiasticus genannt, wurde dieses Buch vermutlich in der zweiten Hälfte des 3. Jh. v. JC von einem unbekannten Gelehrten verfasst. Vgl. J. Asurmendi, Du non-sens. L’Ecclésiaste, Cerf, 2012.

[2Das ist der Sinn des Wortes hebel, das oft mit „Windhauch“ übersetzt wird und das das ganze Buch markiert und strukturiert (1,2. 14-15; 2,1. 11. 17. 26; 3,20; 4,4. 7-8; 6,2. 9; 7,6; 8,14; 11,7-8. 10; 12,8).

[3Das Wort Gott (der immer Elohim genannt wird) erscheint 40 Mal.

[4J. Asurmendi, s.o., S.141.

 
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