„Blut der Märtyrer ist der Samen des Glaubens“

Interview mit Erzbischof Ramzi Garmou/Teheran zu seinem Besuch in Luxemburg

Interview mit Erzbischof Ramzi Garmou, Visitator der Chaldäer für Europa, zu seinem Besuch in Luxemburg am 1. März 2015 in Cessange.

Frage: Herr Erzbischof, Sie sind Visitator der Chaldäer für Europa. Welches sind die Aufgaben eines Apostolischen Visitators?

Erzbischof Garmou in CessangeIch bin seit 2013 Apostolischer Visitator für die Chaldäer in Europa. Dazu bin auch noch Erzbischof meiner Kirche in Teheran im Iran. Ein Visitator ist ein Beauftragter des Papstes, der mit besonderen und umfassenden Befugnissen ausgestattet ist. Ich habe gerade meine erste Visitation in Belgien und Luxemburg durchgeführt. Von daher bin ich auch zum ersten Mal in Luxemburg und freue mich diese junge aber sehr lebendige chaldäische Gemeinde, die zumeist aus Flüchtlingen aus dem Irak besteht, einmal kennenzulernen. Ihren Seelsorger, Pater Paulus Sati CSSR kenne ich schon länger, wir stammen beide aus dem Nordirak und sind uns schon häufiger begegnet.

Frage: Herr Erzbischof, die assyrischen Christen im Nahen Osten machen gerade eine der schlimmsten Verfolgungen in ihrer Geschichte durch. Was wissen Sie über die Entführung von mehr als 200 assyrischen Christen in Nordwest-Syrien?

Ich habe von dieser Entführung von mehr als 200 Assyrern am Khabur erfahren. Wir sind sehr besorgt über deren Schicksal und haben für sie gebetet. Sie befinden sich in den Händen von gefährlichen Terroristen des sich selbst so nennenden „Islamischen Staates“, wir hoffen auf ihre baldige Freilassung, damit sie in ihre Dörfer und Städte zurückkehren können. Wir Assyrer, sei es im Irak oder Syrien, sind friedliche Menschen, die dort schon seit Jahrhunderten leben und niemandem etwas Böses wollen.

Frage: Sind sie besorgt über das Zusammenleben der Religionen nach dem Auftauchen des IS?

Die schlimmen Verbrechen des IS beunruhigen und gefährden das Leben aller Minderheiten im Nahen Osten. Aber man muss schauen, woher diese Verbrecher kommen. Ihre finanzielle Unterstützung erhalten sie aus den ölreichen Ländern des Arabischen Golfes. In der internationalen Politik gibt es auch Länder und Staaten, die vom Agieren des IS profitieren.

Frage, Der apostolische Nuntius des Vatikan in Syrien, Msgr. Mario Zenari sagt, dass die Christen in Syrien sich von der Internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlen. Tut der Westen zu wenig für die Christen im Orient?

Der beste Beitrag, den der Westen vor allem die Vereinigten Staaten für die verfolgten Christen im Nahen Osten tun können, ist die Gefahr zu beseitigen, die durch die Terroristen ausgeht. Dies sagt auch der Papst. Es gibt sogar amerikanische Politiker, die zugeben, dass der IS indirekt ein Produkt des Westens ist. Dazu kommen die vielen Freiwilligen, die ihm aus dem Westen zuströmen. Deshalb hat der Westen auch eine Verantwortung, die Christen und Yeziden und andere Minderheiten vor dieser gefährlichen Terrorarmee zu retten.

Frage: Vor hundert Jahren begann die Verfolgung und Auslöschung der Armenier im Osmanischen Reich. Wird es in hundert Jahren noch Christen im Nahen Osten geben?

Man darf nicht vergessen, dass der Genozid von 1915-17 nicht nur gegen die Armenier gerichtet war. Er richtete sich gegen alle christlichen Minderheiten des damaligen Osmanischen Reiches, darunter waren auch viele Assyrer und Chaldäer. Ich hoffe, dass die Präsenz der Christen am Entstehungsort des Christentums weitergeht, weil die Verfolgungen die es jetzt gibt nicht neu sind. Die Christen des Orients haben Momente gekannt, die tragischer waren, als die die wir jetzt erleben. Trotzdem ist die Kirche ein Zeuge der Gegenwart Christ in diesen Ländern geblieben. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Verfolgung den Glauben stärken kann. Schon der Kirchenlehrer Tertullian hat gesagt, das Blut der Märtyrer ist der Samen des Glaubens.

Frage: Wie hilft die Kirche den Christen in Zeiten der Verfolgung?

Die Aufgabe der Kirche in diesen Ländern ist eigentlich wie überall und immer auf der Welt, den Menschen zu helfen ein christengemässes Leben zu führen. Wir Christen sind aber nicht nur Christen für uns selbst, sondern auch für die Länder wo wir leben. Dies ist auch ein Auftrag der Christen. Christus selbst hat das gesagt: „In dieser Welt werdet ihr verfolgt und vor Gerichte gestellt wegen mir, aber habt keine Angst, denn ich bin bei euch“. Deshalb hoffen wir dass die gegenwärtige Verfolgung die Christen stärkt und ihren Glauben festigt.
Die Kirche des Ostens, aus der die chaldäische Kirche hervorgegangen ist, war bis ins 14. Jahrhundert mit 200 Bistümern die erfolgreichste Missionskirche der Weltkirche. Ihre Missionare haben das Christentum erstmals bis nach China und Indien getragen. Wie steht es heute um ihre missionarische Kraft?
Heute ist die chaldäische Kirche auf viele Länder der Erde zerstreut, in Europa, Amerika, Australien und Asien. Ich sage den chaldäischen Gemeinde in Europa immer bei meinen Visitationen, auch wenn ihr aus eurer Heimat geflüchtet seid, weil das Leben dort zu gefährlich wurde, betrachtet euch weiterhin als Botschafter eurer Heimatländer und eures Glaubens aus der Heimat. Auch die Christen im Westen können viel von dem Glaubenszeugnis der Christen des Orients, die erste Zeugen des Lebens Jesus waren, lernen. Leider waren heute nur wenige Einheimische hier in der Kirche, wir sollten die einheimischen Gemeinden mehr einladen in unsere Gottesdienste zu kommen. Das habe ich auch heute meinen Leuten in der Messe gesagt.

Frage: Erzbischof Garmou, Sie sind Erzbischof in Teheran im Iran, wie ist die Situation der Christen im Iran heute?

Wir sind heute 70.000 Christen im Iran, die Mehrheit sind Armenier, die aus historischen Gründen gewisse Privilegien genießen. Die Verfassung der Islamischen Republik Iran erkennt die Christen als religiöse Minderheit an. Das erlaubt uns in unseren Kirchen unsere Gottesdienste zu feiern und unser Gemeindeleben zu organisieren. Aber es herrscht keine Glaubensfreiheit im Iran in dem Sinne, dass ein Moslem auch zum Christentum konvertieren könnte, wenn er dies wollte. Aber im Iran leben die Christen heute zumindest sicherer als im Irak oder Syrien.

Die Fragen stellte Bodo Bost.

 
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