„Wir sind die Nachkommen von Glaubenszeugen und Märtyrern“

ein Interview von Bodo Bost mit dem Patriarchen Mor Ignatius Youssef III Younan

Patriarch Mor Ignatius Youssef III Younan der mit Rom unierten syrisch-katholischen Kirche von Antiochien aus Beirut hat am 4. Dezember seine Gemeinde im Saarland besucht. Nach einem Gottesdienst in Saarlouis hat er mit Bodo Bost gesprochen.

Wie geht es den Christen in Syrien und dem Irak?

Die Konflikte in beiden Ländern gehen unvermindert weiter. Die religiösen und nationalen Minderheiten haben am meisten unter der chaotischen Situation des Krieges zu leiden. Ich komme gerade von einem Besuch der verlassenen christlichen Ortschaften in der Ninive Ebene bei Mossul im Irak zurück. Ich war schockiert, als ich die zerstörten Orte und Kirchen von über 100.000 vor zwei Jahren vertriebenen Christen gesehen habe, deren Existenzgrundlage von den Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) ausgelöscht wurde. Alle Kirchen der einst christlichen Städte Qaraqosh, Bartella und Karamles wurden profaniert und zerstört. Überall konnte man an den Mauern Hassbotschaften gegen Christen und deren Symbole lesen. Die Terroristen haben auch versucht fast alle christlichen Gebäude anzuzünden, darunter auch Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten und Gemeindezentren, so als wolle man die Rückkehr der Geflüchteten für immer verhindern. Es war klar zu erkennen, dass nur die Christen das Ziel der Zerstörungswut der islamistischen Terroristen waren. In Qaraqosh, einst eine christliche Stadt von 50,000 Einwohnern habe ich einen Gottesdienst auf einem improvisierten Altar vor einem verbrannten Tabernakel in der Kirche der Unbefleckten Empfängnis gefeiert, die in den 1930 Jahren von Überlebenden des osmanischen Völkermords erbaut worden war. Nur ein paar christliche Soldaten und Pressevertreter haben an dem Gottesdienst teilgenommen. Ich erinnerte sie daran in meiner Predigt, dass wir Christen die Nachkommen von Glaubenszeugen und Märtyrern seien und dass das Kreuz zugleich ein Symbol des Leidens und der Auferstehung sei. Ich möchte den Heiligen Vater bitten, diese Kirche zu einer Basilika zu erheben. Im Anschluss an den Gottesdienst habe ich mit Vertretern der Regierung und von Hilfsorganisationen die Zukunft des Christentums im Nordirak besprochen. Dabei wurde deutlich, dass keine Christen in diese einst mehrheitlich christliche Region in der Niniveebene zurückkehren werden, wenn es nicht für sie internationale Sicherheitsgarantien geben wird. Die Frage einer christlichen Autonomie, wurde auch angeschnitten, aber sie ist für uns nicht vorrangig. Wie konnte es zu dieser Katastrophe der Christen im Nahen Osten kommen.

Sie haben die Lage der Christen im Nahen Osten mit dem Völkermord von 1915 verglichen

Wie 1915 beim großen Völkermord der Christen im Osmanischen Reich bilden auch heute wieder die Bürgerkriege in Syrien und dem Irak mit dem durch diese verursachten Chaos den Nährboden für Hass und Gewalt gegen die Minderheiten, die wie 1915 als Sündenböcke, diesmal für die Fehler des Westens, herhalten müssen. Ich weiß wovon ich spreche, meine Eltern stammen aus der heute türkischen Stadt Mardin, sie wurden 1915 mit den Armeniern in die mesopotamische Wüste getrieben, um zu sterben. In Mesopotamien haben sie die heutige Stadt Hassake in Syrien gegründet, wo ich geboren wurde.

Wieso sind die Islamisten gerade jetzt so mächtig geworden?

Die Islamisten sind nicht zufällig so mächtig geworden. Der Beginn des Chaos war nicht der Arabische Frühling von 2011, sondern die US-Intervention im Irak von 2003. Das war der Beginn des IS im Irak und später in Syrien. Die Christen haben in der Geschichte des Irak und Syriens nach der Unabhängigkeit eine wichtige Rolle gespielt. Es gab viele christliche Minister und Abgeordnete in beiden Ländern. Dies war mit der Invasion von 2003 und dem Sturz von Saddam Hussein vorbei. Der Westen mit seinem Wunsch, Demokratie von oben einzuführen, ist schuld am Chaos in unseren Ländern. Der arabische Frühling hat dann das Chaos noch verstärkt. Es ist jetzt die Pflicht jener Nationen, die diese ungeheuerliche Situation mit geschaffen haben, sich dafür einzusetzen, dass das Chaos beendet wird.

Warum dauert der Konflikt in Syrien so lange?

Die Situation in Syrien ist eine ganz andere als in Ägypten, Tunesien oder Libyen. Syrien ist ein Land vieler religiöser und ethnischer Minderheiten, die den ganzen Konflikt viel komplexer machen. Man glaubte, das Assad Regime würde schnell zusammenbrechen, aber anstatt dessen wurden fast eine halbe Million Menschen getötet, viele Millionen vertrieben und der Krieg ist heute, nach fünf Jahren, genauso festgefahren wie zu Beginn des Konfliktes. Der Westen wollte nach dem Beginn des arabischen Frühlings die Demokratie in den Nahen Osten bringen, aber hier gibt es keine wirkliche Trennung zwischen Religion und Staat, deshalb konnten diese Staaten Demokratie nicht akzeptieren. Erst als in Frankreich Hunderte Menschen dem Islamismus zum Opfer fielen und in Deutschland eine Million Flüchtlinge vor der Tür standen, ging einigen Politiker die Augen auf. Sie merkten, dass der Westen weit mehr in diesem Konflikt beteiligt ist, als man bisher glaubte. Während man bis dahin sich durchaus mit einem nie endenden Konflikt abgefunden hatte oder auch mit einigen neuen “Gescheiterten Staaten” musste jetzt schnell gehandelt werden, um die Terroristen und die Flüchtlinge zu stoppen. Auch die westlichen Medien, die ein ganz verzerrtes und einseitiges Bild des Konfliktes gaben, haben sich dadurch zu Komplizen dieser Katastrophe gemacht.

Bodo Bost (Text und Foto)

 
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