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Der Glaube von ... Abraham

„Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,3)

Bild: Julia Meuer

Um das 6. Jahrhundert vor Christus nutzen die Redakteure des Pentateuch im Buch Genesis die Legende von Abraham, um die Identität und den Glauben des Volkes Israel in dem Moment zu stärken, in dem dessen territoriale und politische Orientierungen auf die Probe gestellt werden, sei es durch das Exil, sei es durch die Herrschaft von Fremdmächten [1]. In der Tat, führt die Figur des Patriarchen gegenüber der Hoffnungslosigkeit des Volkes, zur Bekräftigung von dessen Identität und gibt ihm Hoffnung in die Verheißung des Herrn zurück, der sein Wort immer hält. So stellt Abraham das Paradigma, das Modell, des Gläubigen dar, und symbolisiert das Volk Israel, welches wie er, Vertrauen in den Herrn bewahren soll.

Der Autor präsentiert den Patriarchen als Sohn des Terach, der Ur verlassen hat, um sich mit seiner Familie in Haran niederzulassen (11,31f.). Nach dem Tod seines Vaters verlässt Abram [2] seinerseits Haran für ein Land, das der Herr ihm versprochen hat zu „zeigen“. Er verspricht ihm ebenfalls, dass er ihn zu „einem großen Volk“ machen wird und dass in ihm „alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ werden (12,1ff.). Abraham bricht auf zu einem unbekannten Ziel und lässt Land, Freunde und Zuhause hinter sich. Mit seiner Frau Sara, seinem Neffen Lot, ihren Knechten und Mägden, gibt Abraham seine Sicherheiten auf und vertraut der Verheißung des Herrn.

Unterwegs wird der Glaube Abrahams von der Realität auf die Probe gestellt: er ist nicht Herr über das Land und seine Frau ist unfruchtbar: der sehnlichst erwartete Nachkomme kommt nicht. Zweimal beklagt sich Abraham beim Herrn über seine Unfruchtbarkeit und dieser erneuert nicht nur die Verheißung eines Sohnes, sondern verspricht ihm auch, „eine Nachkommenschaft, so zahlreich, wie die Sterne am Himmel“ (15,1ff.). Gegen alle Hoffnungslosigkeit bekräftigt der Autor die Verheißung: „Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham (Vater der Menge) wirst du heißen; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt“ (17,5). Nun aber möchten Abraham und Sara, die die biologische Unmöglichkeit der Kinderzeugung sehen, auf eigene Faust handeln: durch den Ansporn seiner Frau zeugt Abraham ein Kind mit Hagar, der Dienerin von Sara (16,2ff.) [3]. Aber entgegen aller Erwartungen hält Gott sein Versprechen: Sara bringt einen Sohn von Abraham zur Welt: Isaak („er lacht“) [4] .

Die Geschichte geht weiter mit dem Konflikt zwischen Sara/Isaak und Hagar/Ismael, der sich soweit zuspitzt, dass Abraham sich von seiner Frau gezwungen sieht, seine Dienerin fortzuschicken (21,12 ff.). Doch der Herr sorgt für sie und ihren Sohn. Durch diese Erzählung, vor allem mit der doppelten Segnung Ismaels, wehrt sich der Autor gegen die nationalistische Versuchung, sich Gott als ausschließlich für Israel da seienden Gott zu Eigen machen zu wollen (16,11; 21,18). Denn die Figur Ismaels bekräftigt die Universalität des Bundes Gottes mit allen Völkern, wie dies schon in der Geschichte Noahs festgeschrieben wurde (9,12-17). Der Segen, den Abraham allen Völkern bringen wird, ist der Glaube an einen Gott, der die Menschen liebt und der ihr Leben und nicht ihren Tod will (vgl. 18,16-33).

Leider spürt Abraham erneut, dass sein Glaube in eine Krise gerät, als er in Anlehnung an die gewohnheitsmäßige Praxis seiner Zeitgenossen [5] glaubt, dass der Herr von ihm verlangt, die Frucht der Verheißung, seinen Sohn Isaak, zu opfern: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija [6], und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“ (22,2). In seinem Glauben ist Abraham überzeugt, dass es wohl Gott ist, der von ihm dieses Opfer verlangt. Aber Gott greift rechtzeitig ein, um ein solches Opfer zu verhindern: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten“ (22,12). Gott gibt Abraham zu verstehen, dass er nicht wie die Götter seiner Zeitgenossen ist, dass er das Leben und nicht den Tod will, und dass sich sein Wort, entgegen aller Erwartung, vollkommen unentgeltlich realisiert. Er braucht keine unmenschlichen Opfer um seine heilsame Nähe zu offenbaren.

Im Lauf der Legende stellt der Autor, oder die Autoren, Abraham als einen Mann seiner Zeit vor, mit seinen Glaubensvorstellungen und seinen Zweifeln: er schlägt Profit aus der Schönheit seiner Frau, um Begünstigungen vom Pharao zu erhalten (vgl. 12,10ff.), aber er folgt ihr in ihrer Entscheidung, ihm seine Dienerin Hagar zu geben (Kapitel 16), er muss sich mit der Trennung von Lot abfinden (Kapitel 13), er ist großzügig gegenüber seinen unbekannten Besuchern (Kapitel 18) und erweist sich als Garant eines untreuen Volkes (18,17ff.). Am Schluss ist das, was im Leben des Patriarchen zählt, seine Beziehung zu Gott, die sich durch eine menschliche Geschichte hindurch entwickelt, die voll ist von Gegensätzen und neu auftretenden Entwicklungen und die ihren allerletzten Sinn im Glauben findet, in der Erfüllung der Verheißungen des Herrn, entgegen aller Erwartungen. Welches bessere Beispiel könnte es für die eingeladenen Exilierten geben, um in das verheißene Land zurückzukehren?

Heute berufen sich die drei großen monotheistischen Religionen auf Abraham als ihren „Vater“. Jedoch ist Abraham weder Jude, noch Christ, noch Moslem. Er ist zuallererst ein „gerechter“ Mensch, der auf den Ruf des Herrn geantwortet hat. Natürlich muss sein Glaube, der in seinen altüberlieferten Traditionen verwurzelt ist, sich nach und nach reinigen, damit sich ihm das wahre Antlitz Gottes enthüllt. Eben dieses Verhalten wird ihm als „Gerechtigkeit“ angerechnet (Röm 4,1-25).

„Abraham wird zum Vorbild für das Volk Israel und für alle Gläubigen: Herausgerufen aus den Völkern und eingeladen zur persönlichen Entscheidung sollen sie in die Fußstapfen Abrahams treten. [7].

Fragen:

-  Wie spricht die Gestalt Abrahams unseren persönlichen Glauben an? Wie den Glauben unserer christlichen Gemeinschaft?
-  Wie können wir uns vom Beispiel Abrahams in Krisensituationen inspirieren lassen?
-  Welches Gottesbild vermittelt uns die Abrahamerzählung?

[1M. Liverani, La Bible et l’invention de l’histoire, Bayard, 2008, S. 339ff.

[2Der Name Abram bedeutet: „mein Vater (vermutlich die Schutzgottheit des Clans) ist erhaben“ oder auch „der Vater liebt“. Gott selbst wird ihm in 17,5 einen neuen Namen geben, er wird Abraham genannt werden: „Vater einer Menge“.

[3Nach zeitgenössischem Recht, wurde dieses Kind rechtlich als das Kind des Paares anerkannt. Auch wenn dieses Kind nicht das Kind der Verheißung ist, wird auch Ismael (Gott hört) eine große Nachkommenschaft zugesagt werden (17,20).

[4Vergleiche mit dem Lachen Abrahams (17,17) und Saras (18,2).

[5Im Umfeld Abrahams war es Brauch, den erstgeborenen Sohn der Gottheit als ein Zeichen des Gehorsams zu opfern. Auch die Bibel berichtet in 1 Kön 16,34, dass die Baalskulte mit Menschenopfern stattfanden. Nach der TOB, enthält diese Erzählung implizit die Verurteilung der menschlichen Opfer.

[6Morija ist der jetzige Tempelberg in Jerusalem.

[7L. Fernkurs, Erstes Testament I, Kath. Bibelwerk, Dez. 1999“.

 
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